Die Mauer einreißen, indem wir mitbauen: Ein Plädoyer für das Verständnis repetitiven Verhaltens
Von außen betrachtet wirkt es oft befremdlich, manchmal sogar beängstigend: Ein Kind, das stundenlang Papier in kleinste Fetzen zerreißt, rhythmisch den Kopf gegen das Sofa schlägt oder immer wieder dieselben YouTube-Clips schaut. In der Fachwelt und im Alltag werden diese sogenannten Stereotypien oder repetitiven Verhaltensweisen häufig als „sinnlos“ abgestempelt. Der erste Reflex vieler Eltern und Fachkräfte ist es daher, dieses Verhalten zu unterbinden, um das Kind in die „normale“ Welt zurückzuholen. Doch wer nur den Stopp-Knopf sucht, übersieht die wichtige Funktion, die diese Handlungen für das Kind haben.
Sinn in der vermeintlichen Sinnlosigkeit
Die Innensicht autistischer Menschen offenbart uns eine völlig andere Realität. Das autistische Gehirn wird oft von einer Flut an Sinnesreizen überschwemmt, die es nicht automatisch filtern oder strukturieren kann. Was für uns wie eine zwanghafte Wiederholung aussieht, ist für das Kind ein notwendiger Anker. Die ständige Wiederholung schafft eine klare Struktur und Ordnung, die das Gehirn von sich aus nicht leisten kann. Es ist ein Werkzeug zur Selbstberuhigung und Stressbewältigung – weshalb dieses Verhalten in Momenten der Überforderung oder Angst meist deutlich zunimmt.
Darüber hinaus dürfen wir nicht vergessen, dass autistische Kinder Sinnesreize oft viel detaillierter und intensiver erleben. Dadurch erleben diese Kinder häufig ein breiteres und lebendigeres Spektrum sensorischer Erfahrungen – kostbare Wege, die Welt wahrzunehmen, zu denen viele andere Menschen keinen Zugang haben
Was wir als trivial abtun, kann für sie ein Moment höchsten Genusses sein – sei es das himmlische Aroma einer Zitrone oder das faszinierende Knistern von Papier, das bei jeder Berührung aufs Neue begeistert.
Die Gefahr der Isolation – und die Lösung
Es stimmt: Wenn Kinder tief in diesen Verhaltensweisen versinken, können sie wie hinter einer Mauer wirken. Sie scheinen für die Außenwelt nicht mehr erreichbar zu sein, was bei Bezugspersonen Gefühle der Hilflosigkeit und Trennung auslöst. Doch der Versuch, diese Mauer gewaltsam einzureißen, führt meist nur zu mehr Stress und tieferem Rückzug.
Der Schlüssel liegt nicht im Verbot, sondern in der Begegnung. Anstatt das Kind aus seiner Welt herauszuzerren, sollten wir die Einladung annehmen, diese Welt zu betreten. Wenn wir beginnen, das Verhalten nicht zu bewerten, sondern wertschätzend „mitzumachen“ – gemeinsam zu schaukeln, über Spezialthemen zu fachsimpeln oder den YouTube-Clip mit anzusehen –, signalisieren wir dem Kind: „Ich möchte deine Welt verstehen“.
Eine großzügige Einladung
Indem wir repetitives Verhalten respektieren und sogar unterstützen, verwandeln wir eine Barriere in eine Tür zur Kommunikation. Es geht am Ende um etwas, das wir alle brauchen: die großzügige Einladung, so sein zu dürfen, wie wir sind – ob neurotypisch oder autistisch. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, das „Andere“ als Defizit zu betrachten, und stattdessen lernen, die Schönheit und den Sinn in der Vielfalt menschlichen Erlebens zu erkennen